Folge 1: Was ist Psychoanalyse?

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Kommentare

Thorsten
by Thorsten on
Liebe Autoren des Podcasts, ich habe den Eindruck, ihr stellt euch damit wider besseren Wissens naiv bzgl. Freud. Ihr wisst wohl, dass bei ihm das Realitätsprinzip dem Lustprinzip gegenübersteht. Lustprinzip ist ursprünglich, kindlich, egozentrisch, anti-gesellschaftlich, a-sozial. Realitätsprinzip dagegen reif, einsichtig, sozial. Wenn Anpassung nun anhand des Realitätsprinzips erfolgt, dann ist die Anpassung damit auch affirmiert. Kritikabel ist außerdem eure Behauptung, dass das Realitätsprinzip „nur“ besagt, dass die Existenz der Realität anerkannt und ein Umgang damit gesucht wird. Mit der Abstraktion „die Realität“ wird nämlich von den bestimmten, kapitalistischen Verhältnissen abgesehen. In diesen Verhältnissen müssen die meisten Leute in ihren Lohnarbeits- und Angestelltenverhältnissen jeden Morgen auf der Matte stehen, denn sie brauchen jeden Monat ihr Geld. (Selbst wenn man sich mit einer kargen Existenz begnügt, zwingt das Jobcenter einen dazu). In diesen gesellschaftlichen Verhältnissen findet in der Schule eine Vorauswahl für die Berufswelt statt. Die Schüler werden in eine Lernkonkurrenz gestellt und müssen dort vorgegebenen Stoff für Prüfungen besser als andere lernen. Wenn ich die daraus resultierenden Konflikte zwischen Nutzen und Belastung unter Lust- und Realitätsprinzip subsumiere, wie ihr das in eurem Podcast macht (was ihr an anderer Stelle Kritisches schreibt sei dahingestellt) kommt zu der Abstraktion ein zweiter Schritt hinzu: Ich verlege die Anpassung an diese Verhältnisse in den Menschen, als ein denen quasi-biologisch, natürlich zukommendes Streben. Wenn man ins Konkrete geht, wird deutlich, dass diese Anpassung nicht mal beschrieben wird, wenn ich von einem Realitäts-prinzip ausgehe: Bulimie-Lernen z.B. ist an unseren Schulen und Unis üblich und tatsächlich zweckmäßig, weil für die Selektion der Prüfung gelernt wird, um dann besser als andere abzuschneiden. So eine Idiotie kommt weder von „der Realität“, noch andererseits „dem Menschen“ zu. Oder der Druck, neben der ohnehin schon anstrengenden Arbeit noch Überstunden zu machen. Auch das ist nicht verständlich, wenn von „der Realität“ gesprochen wird. Grund ist, dass Arbeitgeber das Interesse haben, möglichst viel Leistung aus ihren Angestellten herauszuholen, also ihren gesellschaftlich gültigen Zweck der Gewinnmaximierung verfolgen. Ist es denn überhaupt „realistisch“, sich diesem Druck zu beugen, bei den Schäden, die man davonträgt? Allgemein meine ich: Die Subsumtion von zielgerichteten subjektiven Tätigkeiten zur Anpassung an eine Gesellschaft, in der Ausbeutung herrscht, unter (angeblich) menschliche Prinzipien, ist ideologisch, also verkehrt, die Verhältnisse verklärend. Es führt dazu, sich Verhältnissen anzupassen, in denen man systematisch geschädigt wird. Herzliche Grüße, Thorsten
CJ@psy-cast.de
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Lieber Thorsten, wir danken Dir für Deinen Beitrag. Wir glauben aber nicht, dass der von Dir hervorgehobene Gesichtspunkt wirklich ein Beispiel für die affirmative Ideologie in der Psychoanalyse ist – auch wenn das für einige von Freuds Positionen sicherlich der Fall ist (zugleich verdankt wohl gerade eine Kritische Theorie der Gesellschaft der Psychoanalyse viel). In dem Beispiel führt ja gerade die Anpassung an das Arbeitengehen zu inneren Konflikten. Das Realitätsprinzip besagt auch nicht, dass die Realität in ihrer Beschaffenheit affirmiert wird. Sondern nur, dass ihre Existenz anerkannt und ein Umgang damit gesucht werden muss. Das Arbeitengehen, Geldverdienen, Konkurrenz etc. sind in einer kapitalistischen Gesellschaft eine Realität, zu der sich ein Mensch auf irgend eine Weise verhalten muss. In den Folgen des Podcasts, etwa über die Abwehrmechanismen, sind einige der Varianten des Umgangs mit solchen Realitäten beschrieben, und darin dürfte auch ein ideologiekritisches Potential liegen. Sicherlich wird zu einem kritischen Verhältnis zur Gesellschaft die Fähigkeit gehören, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und in solchen Widersprüchen leben zu können, also wohl auch Arbeiten zu gehen (und vielleicht sogar ein bisschen an der Kulturindustrie teilzunehmen: hat nicht sogar Adorno Schlager gehört?). Die Kraft zum gesellschaftlichen Wandel entstammt – ist das nicht auch ein bisschen Marxsche Dialektik? – wohl nicht der Abschottung oder dem richtigen Leben, sondern dem Herz der Produktivkräfte. Dies wollen wir aber auch sagen: Wir glauben nicht, dass eine Gesellschaft denkbar ist, in der alle Konflikte zwischen individuellen Wünschen und der Realität beseitigt sind (und somit alle Anpassung obsolet). Herzliche Grüße, J.M. & C.L.
Thorsten
by Thorsten on
"Wir befinden uns also stets in bestimmten Konflikten. Zum Beispiel, wenn wir morgens aufstehen und zur Arbeit gehen müssen, etwas für die Schule oder die Uni lernen sollen - und gleichzeitig keine Lust darauf haben, lieber schlafen wollen, im Internet herumklicken oder interessante Podcasts hören. In der Psychoanalyse würden wir von einem Konflikt zwischen Lustprinzip (...) und Realitätsprinzip (...) sprechen." Das ist ein schönes Beispiel für Ideologie in der Psychoanalyse. Was geschildert wird, ist gesellschaftlich bedingt: es gibt einen (stummen) Zwang zur Arbeit und dazu, an der Schule und Uni Sachen zu lernen, die einen nicht interessieren. Man muss das machen, weil man in diesen Verhältnissen Geld braucht. Wenn man arbeitet, tut man das für fremde Zwecke und muss sich den dortigen Vorgaben fügen. Das bedeutet z.B. frühes Aufstehen und Stress. In der Schule geht es darum, sich in der Lernkonkurrenz gegen andere durchzusetzen, indem man die vorgesetzten Inhalte jenseits des eigenen Interesses lernt. Mit Freud wird das nun ins Individuum verlegt: Es wird nicht geschaut, worin der Konflikt inhaltlich besteht und wodurch der bedingt ist, sondern Willensinhalte unter zwei angeblich dem Menschen innewohnenden Prinzipien subsumiert: Lust- und Realitätsprinzip. Damit werden die Verhältnisse grundlegend affirmiert; das Interesse, das gegen den gesellschaftlichen Zwang steht, ist nicht realistisch sondern ganz kindlich-subjektiv egoistisch; den gesellschaftlichen Anforderungen zu genügen ist dagegen realistisch und damit abgesegnet.

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Über diesen Podcast

In diesem Podcast widmen wir uns der Erforschung des Unbewußten, der zeitgenössischen Psychoanalyse, Tiefenpsychologie und den Verfahren der Psychotherapie. Literaturempfehlungen befinden sich im Anhang der jeweiligen Folge.

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